Waisenhaus des
St. Albert Hospital, Oxford
Bruce Stanley
(1862 – 1913),
Aufnahme von 1889
Ruderverein der Universität Oxford
in der Bruce Stanley zeitweilig
als Steuermann tätig war.
Wappen, Vorlage für einen
Siegelring, der Ring selbst
ist verloren, wenn es ihn je
gegeben haben sollte.
Die Bruce Stanley Society gilt mit dem 18. Juni 2007 als gegründet.

Die Bruce Stanley Society widmet sich der Erforschung und Aufarbeitung von Leben und Werk Bruce Stanleys (1862 - 1913), sowie der Fortführung seines Hauptwerkes, dem Lexikon des Scheiterns. Bruce Stanley starb unter mysteriösen Umständen im November des Jahres 1913, an seinem 51. Geburtstag, mit einer Kugel in der Brust.

Daten (soweit bekannt)
1862 am 8. November wird Bruce Stanley als
zweites Kind einer Dienstmagd in Oxford
geboren
1879 erste Begegnung mit Ernst Haeckel
1887 Übersiedlung nach Leeds
1903 Veröffentlichung des Lexikon des Scheiterns
1906 Erdbeben in San Francisco
1912 Untergang der Titanic und Reise in das Herzogtum Baden
1913 Tod durch eine Kugel in der Brust, am 8.
November 1913
Ein Lexikon stellt einen Versuch dar, eine gewisse Ordnung zu schaffen. Dabei ist weniger der Gegenstand des Inordnungzubringenden interessant, als die Ordnungsvorstellung dessen, der sich eine solche Aufgabe gestellt hat. Der britische Wirklichkeitsforscher Bruce Stanley (neben Raoul Tranchierer der wohl Bedeutendste seines Fachs und nicht zu verwechseln mit dem australischen Politiker Stanley Bruce) verwendet in seinem Lexikon des Scheiterns beispielsweise nicht das Alphabet, um die Stichworte zu ordnen, wie das für ein Lexikon sowohl erwartet als auch üblich ist, und er verwendet auch sonst kein allgemein nachvollziehbares Ordnungssystem, weder inhaltlich noch formal. Stanley notiert die Stichworte zum Zeitpunkt ihres „Aufscheinens“. Es ist also keine alphabetische Ordnung sondern eine chronologische. Damit verlässt Stanley den für ein Lexikon charakteristisch objektiven Charakter eines solchen und nimmt einen dezidiert subjektiven Standpunkt ein. Er selbst ist das Ordnungssystem. In Stanleys Lexikon folgen wir also einem ganz und gar persönlichen Wahrnehmungsmuster. Wir begegnen den Stichworten in der gleichen Reihenfolge, wie sie Stanley eingefallen sind oder behandelt hat. Damit verhindert Stanley natürlich, dass dieses Lexikon in seiner traditionellen Weise genutzt werden kann, ja sogar, dass dieses Lexikon überhaupt „benutzt“ werden wird. Man wird in diesem Lexikon nicht das finden, was man sucht, aber dafür alles andere. Bruce Stanley hat übrigens weder ein Tagebuch noch alte Kalender oder Notizbücher hinterlassen, so dass unklar bleiben muss, in welchem Zusammenhang, zu welchem Zeitpunkt, in welchen Lebensumständen er jeweils auf die im Lexikon aufgeführten Stichworte gekommen ist. Er stellt seinen Lesern kein Referenzsystem zur Verfügung und ist damit wahrscheinlich näher an die Wirklichkeit heran gekommen als viele, wenn nicht sogar alle seine Vorgänger und Kollegen.

Bereits in den ersten Notizen zu einem Vorwort für ein Lexikon des Scheiterns weist Stanley darauf hin, dass das Vorhaben selbst ein Scheitern darstellen soll: „Das Scheitern der Ordnung ist mein Anliegen. Dient doch die Ordnung dazu, etwas nachvollziehbar zu machen. Eine Ordnung, die für niemanden mehr nachvollziehbar ist, nicht einmal für den Ordnenden selbst, ist eine gescheiterte Ordnung. Auch ich, der ich viele Jahre an diesem Lexikon gearbeitet habe, kann keines der Stichworte mehr zielgenau wiederfinden, einfach weil ich inzwischen vergessen habe, in welcher Reihenfolge mir sie jeweils eingefallen sind. Das Lexikon repräsentiert Vergangenes und verschließt sich dem Heute, also seiner Bestimmung. Verweigern ist zwar noch kein Scheitern, aber es ist eine gute Voraussetzung.“

Bruce Stanleys Lexikon des Scheiterns darf zum jetzigen Stand der Forschung als sein Hauptwerk gelten, auch wenn es wenig bekannt ist. Es sollte jedoch nicht der Fehler gemacht werden, der immer wieder in der Rezeption Stanleys zu beobachten ist, die Sicht auf das Scheitern auf die unteren Klassen zu beschränken, auf das Fußvolk der Industrialisierung. Stanley kannte alle Seiten des Systems, die Gebildeten, die Adligen, die Industriebarone, die Arbeiter und die Zahllosen, die unten aus dem System heraus gefallen sind. In vielerlei Hinsicht ist daher Stanleys Arbeit visionär. Dass er dennoch nicht als Vater der Marktforschung gilt, liegt wohl daran, dass seine Methoden sich bis heute allen Versuchen einer erfolgreichen Dechiffrierung verwehren konnten. Derzeit sind Spenden leider nur persönlich möglich, aber gleichwohl erwünscht.

Eingehende Spenden werden ausschließlich für die Wirklichkeit verwendet. Impressum
Vorstand
Gerold Tagwerker (Vorsitzender)
Philipp Mosetter (Entdecker)
Lothar Krauss (Repräsentant)
(sowie Dr. Erhard Süß, dessen Berufung noch nicht von ihm selbst bestätigt wurde)

Sitz der Bruce Stanley Society ist Wien und Frankfurt. Bruce Stanley muß ein ziemlich schroffer Einzelgänger gewesen sein. Außer zu seiner Schwester pflegte er, so weit wir wissen, kaum soziale Kontakte, auch hat er nie geheiratet und war zu längeren Bindungen unfähig. Er wurde am 8. November 1862 in Oxford geboren, im St. Albert Hospital. Die Mutter, eine Dienstmagd, starb bei der Geburt, der Vater war nicht bekannt. Der kleine Stanley, die Schwestern des Hospitals gaben ihm den Namen Bruce, nach einer Figur aus einem sehr populären Kinderbuch der damaligen Zeit, wurde also im örtlichen Waisenhaus untergebracht und nichts deutete darauf hin, dass er einmal zu einem der heimlichsten Denker seiner Zeit avancieren sollte. Aber Bruce hatte eine Schwester, Elizabeth, elf Jahre älter als er und sein Glück. Sie kümmerte sich um ihn. Trotz ihrer eigenen Schwierigkeiten - sie mußte für Kost und Logis bei einer entfernten Tante der verstorbenen Mutter hart arbeiten - besuchte sie regelmäßig ihren Bruder, versorgte ihn mit dem Notwendigsten und entführte ihn zuweilen aus der Obhut der Anstalt. Schnell reifte sie zu einer wahrhaft atemberaubenden Schönheit heran. Und bereits im Alter von 14 Jahren wusste sie diese Gabe der Natur zu nutzten, um entscheidenden Einfluss auf die Bildung von Bruce Stanley (er war zu der Zeit 3 Jahre alt) zu nehmen. Elizabeth verdrehte nach Belieben den hochnäsigen Studenten aus den besseren Häusern Großbritanniens den Kopf und keineswegs nur den Studenten. Oft streifte sie auch mit dem kleinen Bruce an der Hand durch die Gasthäuser, in denen die Professoren des angesehenen Colleges zu finden waren und verschaffte sich so Zugang zu so manch erlesenem Kreis der Oxforder Gesellschaft, wie gesagt, immer ihren kleinen Bruder an der Hand. Stanley wuchs also, obwohl Waise und mittellos, im Umfeld der damaligen Geisteselite auf, im Umfeld des Erfolges, der Macht und vor allem in einer Atmosphäre des Wissens. Dafür war er seiner Schwester sein ganzes Leben lang zutiefst dankbar.

Stanley war zwar fast pathologisch menschenscheu, er hatte aber auch ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und ein großes Mitteilungsbedürfnis. Er war bekannt dafür, jederzeit aus dem Stehgreif eine mitreißende Rede zu einem beliebigen Thema halten zu können. Er selbst nannte diese Reden „gerichtete Monologe“. Immer wieder betonte er in diesen Monologen, dass er seinen Wissensdurst und seine Bildung ausschließlich der Schönheit seiner Schwester zu verdanken habe. Er sprach fließend Latein, Französisch und Deutsch, hatte tiefe Kenntnisse von Mathematik und den Naturwissenschaften wie auch von Kunstgeschichte und Philosophie, ohne jemals eine Schule besucht zu haben, denn dafür fehlte das Geld. Sein größtes Interesse galt allerdings den Entdeckungen und Theorien von Charles Darwin, die er in sein eigenes System von der Wirklichkeit einzubauen versuchte.

Im Jahre 1887, also mit knapp fünfundzwanzig Jahren, löste er sich aus der für ihn sehr fruchtbaren Bindung zu seiner Schwester, wohl auch weil Elizabeth sich mit der Absicht trug zu heiraten. Er verließ Oxford und ging nach Leeds, wo er, durch die Vermittlung seines zukünftigen Schwagers, der sicherlich nicht ganz unglücklich über die sich daraus ergebende Distanz zwischen Stanley und seiner Schwester war, eine Stelle als Hauslehrer für die Töchter eines reichen Industriellen antrat. In einem Brief an seine Schwester schreibt Stanley am 24. Juni 1887, also drei Tage nach seiner Ankunft in Leeds: „Weil das Ich eine Rolle im Sein spielt, ist es erforderlich die Rolle des Seins im Ich zu ergründen.“ Das darf als der Beginn von Stanleys Karriere als Wirklichkeitsforscher gelten. Er muss allerdings sehr darunter gelitten haben, aus den elitären Kreisen der Wissenschaft in den Niederungen der industriellen Geldadels gelandet zu sein. Ein paar Briefe später, ebenfalls an seine Schwester, wie nahezu alle Briefe, die wir heute von Bruce Stanley kennen, an seine Schwester gerichtet sind, beklagt er sich über die „durchsichtige Profanität der wirklichen Probleme der Menschen.“

Leeds, eines der Zentren der Industrialisierung, sollte für Stanley Grundlage und Ausgangspunkt seiner Studien werden. Rund um ihn her nur Menschen, die unmittelbar der Wirklichkeit ausgesetzt waren. „Hier bin auch ich zugleich Opfer, Gestalter und Parasit der Wirklichkeit“ wie er einmal selbstironisch anmerkte. „Während die einen um ihre Existenz kämpfen, haben sich die anderen schon längst just derer bemächtigt. Die Wirklichkeit eben.“ Dennoch gab sich Stanley keine Chance, hier glücklich werden zu können. Zumal er, ungehindert von seiner Menschenscheu, wohl in heftiger Leidenschaft zu einer Frau entbrannt war. Einige Anmerkungen in seinen Briefen lassen darauf schließen, dass es sich dabei um die Frau seines Dienstherrn, die Mutter der ihm anvertrauten jungen Damen handelte, was seinen Aufenthalt in Leeds nicht gerade vereinfachte. Naturgemäß konnte er auf keine Erwiderung seiner Begierde hoffen. Schon früh seufzte er: „Diese Stadt ist mein Grab.“ Was sie dann auch tatsächlich werden sollte. Ansonsten weiß man von Stanley kaum mehr, als dass er gerne und viel trank und dass er fast überall und oft vollkommen grundlos flammende Reden hielt. Alles Andere ist allenfalls Spekulation.

Das Lexikon des Scheiterns darf als Stanleys Hauptwerk gelten. Und auch wenn er selbst von „vielen Jahren“ spricht, die er auf dieses Lexikon verwendet haben will, so legen doch einige Indizien nahe, dass er den Versuch eines solchen Lexikons bereits nach wenigen Wochen wieder aufgegeben haben dürfte. Denn zwischen den ersten Notizen, die wir aus einem Brief an seine Schwester Elizabeth kennen, und dem Erstabdruck im Leeds Chronicle vom 12. März 1903, liegen nicht einmal zwei Monate. Eine Fortsetzung, wie angekündigt, hat es nie gegeben. So ist dieses Lexikon Fragment und aus heutiger Sicht zu unrecht weitgehend unbekannt geblieben. Wie auch Stanley selbst heute als vergessen gilt. Lexikon des Scheiterns
erstellt von Bruce Stanley
(Erstabdruck im Leeds Chronicle vom 12. März 1903)

Der Leser wird vergeblich nach einem Hinweis suchen, der ihm das Vorliegende als sinnvoll oder gar erbaulich erscheinen ließe. Kein Register und keine Gebrauchsanweisung, was es hier zu lesen gibt, geschieht der Reihe nach. Denn Scheitern ist ein chronologischer Ablauf von Ereignissen, die sich als Rückschau von einem bestimmten Zeitpunkt aus in Empfindung manifestieren, nämlich jener, gescheitert zu sein. Wer also ernsthaft über das Scheitern nachdenkt, dem begegnet zwangsläufig als Erstes das eigene Ich.

Ich
Scheitern ist ein Ich. Von wem oder was könnte ein Scheitern zuverlässig behauptet werden, wenn nicht von dem Ich selbst. Und auch wenn vom Scheitern eines Vorhabens oder einer Unternehmung die Rede ist, findet sich das Scheitern noch immer in einem Ich gebunden, ein Ich das sich mit dem Vorhaben identifiziert. Scheitern ist eine ganz und gar subjektive Angelegenheit. ‚Ich‘ scheitert, sonst nichts.
Aber wer ist dieses Ich? Ist das Ich der Kerl im Spiegel, oder das Getuschel hinter meinem Rücken? Ist Ich die Gedanken bei einem Spaziergang im Frühnebel oder ist Ich die kalte Schulter meiner Angebeteten? Wer ist Ich? Ich ist der, der daran scheitert, diese Frage zu beantworten.

Grammatik des Scheiterns
ich bin gescheitert1
Das ist die Wahrheit. Und diese Wahrheit ist gestützt von der ganzen Autorität des Subjekts, des Ichs und ist damit die einzig gültige, weil subjektive Wahrheit. Fakten, Beweise oder Argumente spielen keine Rolle, es ist die Wahrheit der authentischen Empfindung. Das Ich empfindet sich als die Differenz zwischen Ziel und Erreichtem.




du bist gescheitert
Eine Behauptung, höchst spekulativ. Die Behauptung zieht ihre Berechtigung überhaupt nur aus der behaupteten Nähe zum mit „du“ bezeichneten Ich. In dieser Behauptung liegt intimes Wissen über das fremde „Ich“ und dessen Umstände. Aber der Satz müßte erst eben von diesem „Ich“ (mit einem „ja, ich bin gescheitert“) bestätigt werden, um als wahr gelten zu dürfen.

er (oder sie) ist gescheitert
Ein Urteil. Die Distanz zum „Ich“ nimmt zu und verändert damit die Aussage. Plötzlich klingt2 es so, als würde der Satz auf Fakten und Beweisen basieren, als hätten Analyse und Interpretation des „Ich“ (auf die das Ich wiederum, wegen der Distanz, keinen Einfluß hat) zu einem gültigen Urteil geführt.




wir sind gescheitert
Der Plural der Wahrheit. Da aber die Wahrheit den Anspruch der Alleinherrschaft, also der Singularität, in sich trägt, ist ihr eigener Plural ein Paradox. Wenn es die Wahrheit gibt, kann es nicht Wahrheiten geben. Die Wahrheit ist also gezwungen auszuweichen, sich von dem Ich, dem Subjekt, zu lösen und stattdessen einer Sache, einem gemeinsamen Ziel, einer Vision, einem Gemeinsamen zu dienen. Der Einzelne flüchtet in ein großes Ganzes. Aber erst wenn alle in diesem „Wir“ Versammelten diesen Satz bestätigen (nämlich mit dem bekannten „ja, ich bin gescheitert“) wird er wahr. Viele Subjekte werden zu einer solidarischen Einheit im Scheitern.

ihr seid gescheitert
Sieg! Mit zunehmender Distanz zum Ich wird der Ton der Aussage immer wichtiger. Das Nichtgesprochene schiebt sich über den Wahrnehmungshorizont. Gesprochen wird zwar vom Scheitern, aber es klingt wie ein „Sieg!“ Indem das Ich, also der Sprecher, vom Scheitern der Anderen spricht, nimmt das Ich einen neuen Standpunkt zum Scheitern ein: ich habe gewonnen und ihr seid gescheitert.

sie sind gescheitert
Das Ende. Aus und vorbei! Nichts mehr zu machen. Mehr gibt es dazu nicht mehr zu sagen. Der Vorgang gleitet langsam aus dem aktuellen Zusammenhang, aus dem Erfahrensspektrum von hier und jetzt, er driftet ins Belanglose. Höchstens noch eine letzte Meldung. Man kann hier auch sagen: Es ist (gültig und umfassend) gescheitert.

Ziel
Grundbedingung für das Scheitern ist ein Ziel. Wer scheitert, muss ein Ziel haben oder gehabt haben. Ohne Absicht, Vorhaben, Ziel, kurz ohne ein Wollen (? siehe Wollen) ist Scheitern nicht zu denken. Ich bin gescheitert, also wollte ich.
Ziel und Wollen sind nicht identisch und doch treten sie stets gemeinsam auf. Ein Ziel ist nur ein solches, wenn es erreicht werden will. Ein Wollen wiederum benötigt etwas, auf das es sich ausrichten kann. Das Ziel selbst ist eher von statischer Natur. Es ruht in sich, ist definiert und verharrt in der Erwartung erreicht zu werden. Das Wollen hingegen ist sehr beweglich, launisch, unberechenbar und immer bestrebt der Wirklichkeit zu entsprechen. Ein Ziel steht unbeweglich in weiter Ferne und prahlt damit erreicht werden zu wollen. Das Wollen sucht unentwegt sich selbst.
Aber ein Ziel kann nicht erreicht werden. Ein Ziel ist ein Ziel nur dann, wenn es (noch) nicht erreicht ist. Und selbst wenn es erreicht wird, ist es nicht mehr das Ziel, das es als Ziel noch gewesen ist. Ein Ziel verschwindet in seinem Erreichtwerden. Es kann also nicht um das Ziel gehen, sondern viel mehr um das „ein Ziel haben“. Ein Ziel ist nur von Bedeutung, es zu haben. Das Ziel ist lediglich eine Hilfslinie für das Wollen. Also nur wenn ich das Ziel nicht erreiche, macht es überhaupt Sinn, ein Ziel zu haben. Im Scheitern liegt somit die eigentliche Bestimmung und Notwendigkeit eines Ziels.

Wollen
Ein Wollen ist zwingend an eine Person, an ein Ich, gebunden. Dabei definiert das Wollen immer das, was dieses Ich nicht hat. Das Wollen definiert den Mangel des Ich. Das Wollen ist die negative Form des Haben. Deshalb konzentriert sich das Wollen auch so auf das (wirkliche oder vermeintliche) Haben des Anderen, denn ganz offensichtlich kann das Wollen sich nur im Haben des Anderen ausdrücken. Der Besitz des Anderen ist der Mangel des Ichs und damit sein Wollen. So spiegelt sich im Wollen die gesamte Gesellschaft mit ihren Moden und Attitüden.3




Erfolg
Im Gegensatz zum Scheitern, das ja, wie bereits erwähnt, als innere Disposition verstanden sein will, ist der Erfolg abhängig von einem Umfeld. Der Erfolg kann nur als Echo wahrgenommen werden. Zum Scheitern braucht es keine Gesellschaft, aber für den Erfolg ist sie unerlässlich. Für Menschen, die gerne ein Lebensgefühl ganz für sich alleine haben, ist Erfolg keine taugliche Einrichtung, denn ein Erfolg muß immer mit anderen geteilt werden. Scheitern hingegen ist Privatbesitz.
Erschwerend kommt hinzu, daß der Erfolg immer auch den Mißerfolg (das Scheitern) der Anderen ertragen muß (? siehe Schuld). Der eigene Erfolg ist damit stets dem Scheitern der Anderen geschuldet. Da kann beispielsweise einer der klügste Mensch der Welt sein, was kein Erfolg wäre, wenn es nicht andere Menschen gäbe zu denen seine Klugheit einen Unterschied macht.

Liebe
Ich habe sie heute im Bade gesehen. Ach, wie leicht kapituliert doch die Liebe vor einem einzigen Anblick. Alle hehren Gefühle, alles edle Sinnen scheitert in einem blinden Begehren. Denn die Liebe ist nur Liebe, wenn sie ebenso allumfassend wie unendlich ist und dem gemäß, da allumfassend und unendlich, bedingungslos. Und wäre auch nur eines von beiden minder als allumfassend oder unendlich, und sei es auch nur um ein Geringes, so müsste man von Berechnung sprechen. Ich habe sie gesehen, und alle Liebe ist einem einzigen Begehren gewichen. Ein Krater von sehnsüchtigem Verlangen tat sich in meinem Innersten auf. Eine Sehnsucht nach einem neuen“ mehr Sein“ als bloß ein Selbst. Denn in der Liebe offenbart sich der Mangel des Ich. Die Liebe ist der Mangel, der sich aus sich selbst nährt. Wenn man nicht darüber nachdenkt, ist es eine schöne Sache.

Vergnügen
Es gibt kein Vergnügen, wenn es keinen Ausgang daraus gibt.4




Stille
Es ist Abend geworden und um mich herum versammelt sich Stille. Was ich den ganzen Tag ersehnt habe, entpuppt sich jetzt am Abend als gnadenlose Marter: Stille!
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In der ersehnten abendliche Stille zerbricht die Hoffnung (? siehe Hoffnung), die dem Tag seine Berechtigung verliehen hat. Die Einsamkeit der Stille raubt dem Tag das letzte bisschen Glauben an sich selbst. In der Stille des Abends entpuppt sich der Tag ein weiteres Mal als vergeblich.

Wirtshaus
Im Wirtshaus begegnen die Flüchtlinge der Wirklichkeit der Wirklichkeit.

Glück
Das Glück ist gleichzusetzen mit einem wollenden Ich. Wenn ein Ich will, dann will es immer sein eigenes Glück. Denn Glück ist die Belohnung dafür, einen Willen, oder anders gesagt, ein Wollen zu haben.
Da Wollen in der Natur sonst nicht vorkommt, ist natürlich auch Glück in der Natur nicht zu finden. Denn Glück ist ein biologischer Unsinn. Bedarf es doch eines sehr hohen Energieaufwands nach dem Glück zu streben, welch Verschwendung von Energie, stets ein Wollen, ein Streben, zumal nach Glück zu haben. Alles Unsinnige der Welt ist ausschließlich dem Bemühen um Glück zu verdanken.

Spiel
Wo vom Scheitern die Rede sein soll, muss vom Menschen gesprochen werden. Denn alles Scheitern ist notwendig menschlich. Aber wo sitzt das Scheitern? Wo findet es statt? Wo kann man das Scheitern dingfest machen?
Das Scheitern sitzt am Übergang vom Spiel zum Ernst. Ein Ich ist nur dann vollständig Ich, wenn es eins ist mit sich. Diesen Zustand kennen wir aus der Anschauung der Natur oder von kleinen Kindern. Ein ganz und gar natürlicher Zustand ist ein spielerischer Zustand. (Wer einen solchen Zustand empfindet, nennt sich glücklich.) Dieses ursprünglich spielerische und damit glückliche Ich trifft auf den Alltag, daraus ergeben sich Probleme. Sogenannte alltägliche Probleme. Diese Probleme beziehen sich immer genau auf das spielerische Ich und attackieren dessen Unschuld (? siehe Schuld). Aber Probleme wollen gelöst werden, und eben hier beginnt der Ernst. Hier sitzt das Scheitern. In der Lösung des Problems liegt das Scheitern. Jedes Problemlösen ist ein Scheitern. Danach folgen dann Krise und als letzte Stufe, die Stufe ohne Hoffnung, die Katastrophe. (siehe Abb.1)
Und so wie der Mond im Zusammenspiel von Flieh- und Schwerkräften auf seiner Umlaufbahn gefangen ist, so ist auch das Scheitern in einer spezifischen Umlaufbahn zu einem jeweiligen Ich-System gefangen.

Sprache
Nach vier Stunden unaufhörlicher Rede vor einem teils widerwillig, teils mäßig interessierten Publikum (zwei Personen) bleibt die Erkenntnis zurück, dass die Sprache unter keinen Umständen benutzt werden sollte, wenn man etwas zu sagen hat. Heute hatte ich ein Anliegen und habe deshalb das Wort ergriffen. Oft spreche ich demgegenüber ganz ohne Anliegen, einfach als eine Art Übung im öffentlichen Denken und habe begeisterte Zuhörer.5




Würde
Der Mensch ist nur dort ein Ich, wo er sein Ich frei als eigenes empfinden kann.

Hoffnung
Alles Wollen ist Hoffnung. Die aus dem Wollen resultierende Tat dient weniger dazu, das Wollen zu verwirklichen als der Hoffnung Nahrung und Begründung zu geben. Ich habe ihr heute Blumen zukommen lassen, nicht weil ich will, dass sie mein werde, sondern weil ich mir Hoffnung machen will.

Für Heute
Wie kleine Samenkörner, vom Wind meiner Hoffnungen getragen, verstreuen sich meine eigensten Vorstellungen über den Humus des Alltags, so dass überall Probleme wie junge Triebe sprießen und in kürzester Zeit ein Garten der schönsten Krisen erblüht.


Fortsetzung folgt.


Die Redaktion des Leeds Chronicle hat zwar eine Fortsetzung angekündigt, eine solche ist aber nie erschienen. Da sich auch keine weiteren Notizen oder Überlegungen zum Lexikon des Scheiterns in Stanleys Briefen an seine Schwester finden lassen, dürfen wir davon ausgehen, dass er selbst das Projekt aufgegeben hat.

Erst heute stehen uns mit dem Internet die technischen Möglichkeiten zur Verfügung um Stanleys Projekt fortzuführen. Die internationale Bruce-Stanley-Society hat sich dieses zur Aufgabe gemacht und erstellt, unter erwünschter Mitwirkung, und damit ganz im Sinne von Bruce Stanley, der Nutzer des Internet (unter www.bruce-stanley-society.com) ein vollständiges und allgemein umfassendes Lexikon des Scheiterns.




Abb.1: Das Zentrum bildet das Ich. Ist das Ich ganz Ich, gilt es für Glück, umgeben von Alltag, der sich in Probleme ausdehnt, die sich wiederum als Krisen und schließlich Katastrophen immer mehr vom Ich entfernen.

Abb.2: Das Ich mit einem heißen inneren Kern, dem Wollen. Umgeben von einem Magma aus Einflüssen, Notwendigkeiten und Mißverständnissen. Auf diesem Magma schwimmen, wie Kontinente, die verhärteten Krusten der Überzeugungen und Meinungen mit dem sich das Ich als Bild den anderen darstellt.


Abb.3: Die Fallhöhe des Scheiterns
Sie haben zwei Möglichkeiten:

Wien
Philipp Mosetter
Braunhirschengasse 6/3
1150 Wien

Frankfurt
Philipp Mosetter
Töngesgasse 19
60311 Frankfurt/Main
Bruce Stanley Society
Philipp Mosetter
Braunhirschengasse 6/3
1150 Wien
e-mail: office@bruce-stanley-society.com